#11 Return to Office – Leistung oder Leid

Return to Office – Leistung oder Leid
Beitrag von Wilma Klaasen-van Husen

Agilität unplugged

Folge 11 - 06.08.2026

Return to Office – Leistung oder Leid

In dieser Folge blickt Wilma auf eine Mitarbeiterin, die zwei Mal überrascht hat: Rita, die schon vor Corona ein Homeoffice-Angebot abgelehnt hatte — weil ihr der Kontakt zum Team wichtig war. Jahre später, mit Kind und langem Anfahrtsweg, sitzt sie plötzlich auf der anderen Seite: Bitte nicht zurück ins Büro. Und die Geschäftsführung? Die trommelt zum Return to Office. Basta.

Was klingt wie ein Bauchgefühl-Fall, entpuppt sich als True-Crime-Ermittlung an einem Systemfehler: Führung hat Anwesenheit jahrzehntelang mit Wirkung gleichgesetzt. Anwesenheit = Leistung?! Wer das Licht anmachte, wurde befördert. Wer im Homeoffice performte, blieb unter dem Radar. Und jetzt, wo sich die Studienlage endlich klar zeigt, was wirklich zählt. Kommt jetzt die Rolle rückwärts?

Wilma und Fabian nehmen das Beweisstück auseinander:

Warum ordnen Chef:innen RTO an, wenn Zahlen dagegen sprechen? Wo liegt der berühmte Kipppunkt der Fraunhofer-Studie — und was passiert bei zwei Homeoffice-Tagen pro Woche mit Kündigungsquoten, High-Performern und Frauen? Was macht Coffee Badging mit einer Kultur, in der Präsenz zur Bühne wird? Und wie viel Silo darf Homeoffice erzeugen, bevor Innovation verhungert?

Fabian durchdringt den Fall mit agilem Spürsinn: Nähe braucht Agilität, aber nicht zwingend räumliche Nähe. Motivierte Menschen, klare Ziele, Co-Creation des Arbeitsmodus im Team — statt One-fits-all-Verordnung von oben. Wilma legt das Job Demands-Resources-Modell über den Fall: Autonomie und Flexibilität sind Ressourcen, Pendeln und Kontrolle sind Anforderungen. Kippt das Verhältnis, kippen die Menschen.

Der wahre Skandal ist nicht das Büro. Der wahre Skandal ist ein Führungsverständnis, das Kontrolle für Steuerung hält und Sichtbarkeit für Leistung. Wer Leistung wirklich messen will, muss zuerst definieren, was Wirkung überhaupt heißt.

Ein Fall, der weit über das Büro hinausreicht — und dich nach dieser Folge anders auf jede Return-to-Office-Ansage schauen lässt. Hör rein: Rita ist eine von vielen, und ihr Fall ist der Anfang einer viel größeren Frage.

Weiterführende Literatur zu dieser Folge

 

  • Gartner-Studie zur Bleibeabsicht unter Präsenzpflicht: Bei striktem Return to Office sinkt die Bleibeabsicht — bei High-Performern um 16 %, bei Frauen um 11 %. Gartner (via Korn Ferry, 2024). A new return-to-office trade-off.
    https://www.kornferry.com/insights/this-week-in-leadership/a-new-return-to-office-trade-off

  • Microsoft-Innovationsstudie in Nature: Firmenweites Remote-Arbeiten macht Netzwerke siloartiger und statischer, mit weniger brückenbildenden Kontakten quer durch die Organisation. Yang, L., Holtz, D., Jaffe, S., Suri, S., Sinha, S., Weston, J., Joyce, C., Shah, N., Sherman, K., Hecht, B., & Teevan, J. (2022). The effects of remote work on collaboration among information workers. Nature Human Behaviour, 6, 43–54.
    https://www.nature.com/articles/s41562-021-01196-4

  • Konstanzer Homeoffice-Studie 2026: Desksharing erhöht den Wunsch nach Homeoffice. Beschäftigte ohne festen Arbeitsplatz wünschen sich im Schnitt 3,4 Homeoffice-Tage, mit festem Arbeitsplatz nur 2,59. Kunze, F. et al. (2026). Konstanzer Homeoffice-Studie 2026. Future of Work Lab, Universität Konstanz. https://idw-online.de/de/news869766

  • Coffee Badging: Verhaltensmuster in RTO-Kulturen: kurz einstempeln, an der Kaffeemaschine gesehen werden, wieder gehen. Anwesenheit wird zur Bühne, nicht zur Leistung.  

  • Agiles Prinzip: Angesicht zu Angesicht: Die effizienteste und wirkungsvollste Methode, Informationen an ein Entwicklungsteam und innerhalb eines Entwicklungsteams zu übermitteln, ist im Gespräch von Angesicht zu Angesicht — Nähe braucht Agilität, aber nicht zwingend räumliche Nähe. 

  • Agiles Prinzip: motivierte Individuen und Selbstorganisation: Errichte Projekte rund um motivierte Individuen. Gib ihnen das Umfeld und die Unterstützung, die sie benötigen, und vertraue darauf, dass sie die Aufgabe erledigen. Die besten Ergebnisse entstehen durch selbstorganisierte Teams. 

  • Job Demands-Resources-Modell (Bakker & Demerouti): Arbeitsbedingungen wirken über zwei Pfade: Ressourcen (z. B. Autonomie, Flexibilität) fördern Engagement; Anforderungen (z. B. Pendeln, Kontrolle) treiben bei Überhang emotionale Erschöpfung und Burnout. Bakker, A. B., & Demerouti, E. (2007). The Job Demands-Resources model: State of the art. Journal of Managerial Psychology, 22(3), 309–328. https://doi.org/10.1108/02683940710733115

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